Missbrauch hat viele Facetten und erfordert eine exakte Sprache. Hier finden Sie die wichtigsten Bezeichnungen und ihre Bedeutung.

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«Sexueller Missbrauch» – die wichtigsten Fakten und Fachbegriffe

Optimus Studie: Zahlen und Fakten zu sexuellem Missbrauch

Die Optimus-Studie von Conny Schmid zeigt detailliert Hintergründe und Fakten zu sexuellen Übergriffen an Jugendlichen und Kindern in der Schweiz auf. Die Studie wurde von der UBS Optimus Foundation herausgegeben. Alle Ergebnisse, Broschüre und die komplette Studie finden Sie hier >>>

Aktueller Video mit den wichtigsten Zahlen und Fakten >>>

Glossar

Missbrauch hat viele Facetten und erfordert eine exakte Sprache. Hier finden Sie die wichtigsten Bezeichnungen und ihre Bedeutung.


Grenzüberschreitung

Im fachlichen Kontext sind Grenzüberschreitungen normal und notwendig, beispielsweise das Abtasten der Brüste bei einer Untersuchung  oder das Waschen von Patienten im Intimbereich, aber auch das tröstende Umarmen. Diese Handlungen sind jedoch klar zu definieren und immer wieder auf ihre Notwendigkeit zu prüfen. Der Übergang zur Grenzverletzung (s. u.) ist stets imminent, so darf aus dem Waschen kein Massieren werden und aus der Umarmung kein Küssen. 


Grenzverletzung

Eindeutiges Überschreiten der fachlich gesetzten Grenzen, z. B. wenn ein Arzt die Brüste einer Patientin erst untersucht, dann aber stimuliert. Die Untersuchung ist eine notwendige Grenzüberschreitung (s. o.), während die Stimulation eine klare und unerlaubte Grenzverletzung darstellt. 


Grooming

Wörtlich: »striegeln«, also das Fell eines Tieres pflegen. Gemeint sind die Strategien eines Täters, um den Widerstand des Opfers zu überwinden und seine Taten gegenüber der Umgebung zu verschleiern. Der Täter stellt dabei Vertrauen her, schafft Bindung zum späteren Opfer, verlagert die Grenzen und pocht auf Geheimhaltung. Das Opfer wird auch von seiner Mitschuld überzeugt, was die sicherste Art ist, es zum Schweigen zu bringen. Genügt dies nicht, greifen Täter auch zu Drohungen oder Repressionen, damit ihre Taten nicht ans Licht kommen. 


Loverboy

Der Begriff der „Loverboy-Methode“ wurde in den Niederlanden geprägt, in den vergangenen Jahren gibt es jedoch auch in anderen Ländern (z.B. Belgien, Deutschland) vermehrt Berichte darüber. Unter der „Loverboy-Methode“ versteht man, dass sich Männer Mädchen im Alter zwischen 11 - 14 Jahren nähern. Sie sprechen die Mädchen gezielt vor der Schule oder im Café an. Durch Komplimente und Aufmerksamkeiten versuchen sie deren Vertrauen und Liebe gewinnen, um die Mädchen für sexuelle Dienste (Zuhälterei) oder Drogenschmuggel auszubeuten. Durch Drogen und Gewalt werden die Mädchen gefügig gemacht, sie befinden sich jedoch auch relativ rasch in einer emotionalen Abhängigkeit. Die Loverboys achten meist sehr genau darauf, dass das Umfeld der Mädchen lange Zeit nichts von den Aktivitäten mitbekommt. Sie vermieten zum Beispiel die Mädchen in Freistunden an Freier und fahren sie dann pünktlich zum Unterricht zurück. Für die Betroffenen ist es oft sehr schwer, sich aus diesem Abhängigkeitsverhältnis zu lösen.


Pädophilie

Das sexuelle Verlangen eines Pädophilen richtet sich auf Kinder vor der Pubertät, einschliesslich Babys. Die Ursache dieses Verlangens ist ungeklärt, namentlich die Frage, ob sie angeboren oder erworben ist. Verwahrlosung in der Jugend des Täters scheint begünstigenden Einfluss zu haben, ebenso eigene Erfahrungen als Opfer eines Pädophilen. Pädophilie betrifft fast ausschliesslich Männer, die Behandlung ist schwierig und nur an wenigen Orten möglich, so an den Universitäten Hamburg und Berlin.


Pädosexualität

Ein Pädosexueller führt sexuelle Handlungen mit Kindern stellvertretend dazu durch, wenn dies mit Erwachsenen nicht möglich ist. Solche Kontakte gelten als pädosexuell, aber nicht als pädophil. Sie dienen dazu, die Lust des Täters zu befriedigen, und missachten die Integrität des Kindes, das den Kontakt aus einem Bedürfnis nach Zuneigung und Wärme eingeht und dem der Erwachsenensex dann grob und abscheulich vorkommt. Schwere Störungen sind die Folge. 


PSM – Professional Sexual Misconduct

PSM heisst übersetzt »Fachliches Fehlverhalten«. Professionelle   Beziehungen – beispielsweise zwischen Lehrern und Schülerinnen oder Ärztinnen und Patienten – sind definierte, auf Verbandsebene vertraglich festgelegte Arbeitsverhältnisse, die auf klaren Regeln basieren. Diese  schliessen sexuell motivierte Handlungen aus. Werden sie verletzt, spricht man von PSM, eben von fachlichem Fehlverhalten.


Pädosexualität

Sexualisierte Gewalt ist ein Oberbegriff für sexuell motivierte Handlungen zwischen Menschen, wobei dem einen die Rolle des Täters und dem anderen jene des Opfers zufällt. Unterschieden wird – steigernd – zwischen Übergriff und Missbrauch bzw. Nötigung, siehe unten.

Sexueller Missbrauch, sexuelle Nötigung

Sexueller Missbrauch bzw. sexuelle Nötigung beschreibt eine Handlung mit sexuellem Charakter, zu der eine Person gezwungen wird; sei  es, sie zu erdulden, auszuführen oder sie zu beobachten. Zwang bedeutet in diesem Zusammenhang nicht ausschliesslich körperliche Gewalt, er kann auch durch Ausnützen einer Vormachtstellung oder Notlage zustande  kommen. Auch das Ausnützen einer Vormachtstellung oder einer Notlage  sowie Drohungen zum Zwecke sexueller Handlungen erfüllen alle den Tatbestand der Nötigung.  


Sexueller Missbrauch von Kindern

Jeder versuchte oder vollendete sexuelle Akt und Kontakt von Personen mit einem Kind, hierzu zählen auch Handlungen, welche das Kind ausbeuten, ohne dass ein Kontakt zwischen der Täterin bzw. dem Täter und dem Opfer stattfindet. Zu unterscheiden sind Missbrauchstaten, bei denen die Täterin bzw. der Täter in Garantenstellung oder enger emotionaler Beziehung zu den Opfern stehen wie Eltern, Verwandte und Betreuungspersonen von Übergriffen durch unbekannte Täter oder Täterinnen. In einer der ältesten Definitionen von Schechter und Roberge (1976) wird deutlich gemacht, dass Kinder (im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention von 0-18 Jahren) aller Altersstufen Opfer sexueller Ausbeutung sein können. Die Täter oder Täterinnen nutzen ihre Macht und Autoritätsposition dafür aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen. Ein Kind kann einer sexuellen Handlung mit einer Betreuungsperson aufgrund körperlicher, psychischer, kognitiver und sprachlicher Unterlegenheit nicht willentlich zustimmen.

Phänomenologisch unterschieden werden kann sexueller Missbrauch mit direktem körperlichem Kontakt, welcher alle Akte vollendeter oder versuchter vaginaler, analer und oraler Penetration mit Penis, Fingern oder Gegenständen, Berührungen im Intimbereich und das Verlangen masturbiert oder gestreichelt zu werden, umfasst. Sexueller Missbrauch ohne direkten körperlichen Kontakt zwischen Täterin bzw. Täter und Opfer umfasst unter anderem die Aussetzung von Kindern gegenüber sexuellen Aktivitäten (wie z.B. Pornografie, Exhibitionismus). Durch das Internet haben in den letzten Jahren Webcam-Ausbeutungen und alle Formen der Exposition von Kindern und der Ausbeutung von Kindern für im Web verbreitete Inhalte stark zugenommen.


Sexueller Übergriff

Ein sexueller Übergriff ist eine mildere Form der Nötigung, quasi eine Vorstufe. Es handelt sich um vom Opfer unerwünschte, sexuell aufgeladene Handlungen: Erzählen anzüglicher Witze, Zeigen eindeutiger Mails und Fotos, Annäherungsversuche, Erteilen von erotischen Kosenamen und dergleichen. Dies geschieht meist in Abhängigkeitsverhältnissen am Arbeitsplatz. 


Stalking

Das Wort kommt aus dem Jagdjargon, wo es das Anschleichen an Wild beschreibt. Im übertragenen Sinne bedeutet Stalking, dass einer Person beharrlich nachgestellt wird, was von Liebesbotschaften bis zur offenen Belästigung und schliesslich zu Bedrohungen reicht. Stalking stört den Alltag und das Sicherheitsgefühl des Opfers erheblich und ist strafbar. Die meisten Täter sind sich ihres Handelns bewusst und wollen das Opfer absichtlich schädigen, während psychotische Täter oft Wahnvorstellungen unterworfen sind und glauben, das Opfer sei in sie verliebt. 


Täterfachleute

Sogenannte Täterfachleute sind Fachpersonen, die eine sexuelle Grenzverletzung begehen, einmalig oder wiederholt. Sie leiden an einer Persönlichkeitsstörung, die aber – verglichen mit der Pädophilie – einfacher zu behandeln ist, da sie nicht in einer Veranlagung zu suchen ist, sondern in den Lebensumständen. Diese Störung ist jedoch für die Aussenwelt nicht erkenntlich; Täterfachleute sind meist angesehene, gut integrierte und seriöse Personen, denen Grenzverletzungen nicht zugetraut werden – auch von ihnen selbst nicht.  


Vergewaltigung

Eine Vergewaltigung findet statt, wenn ein Mensch gezwungen wird, sexuelle Handlungen zuzulassen oder selbst vorzunehmen. Ein solches Erlebnis ist für das Opfer hochgradig traumatisierend und hat Folgen für das weitere Leben.

Vergewaltigungen reichen von unfreiwilligem Küssen oder Streicheln bis zum Eindringen des Täters mit Hand, Penis oder einem Gegenstand in den Mund, die Scheide oder den Darmausgang des Opfers.